Belarus
- Kreuz auf einer orthodoxen Kirche
Belarus (Weißrussland) wurde im Jahre 1991 als Nachfolgestaat der gleichnamigen sowjetischen Teilrepublik gegründet. Mit etwa 10 Millionen Einwohnern liegt die von Aljaksandr Lukasenka regierte Präsidialrepublik an der Grenze zu Lettland, Litauen, Polen, der Ukraine und Russland. In der Hauptstadt Minsk leben etwa 1,7 Millionen Menschen. Belarus hat eine Planwirtschaft mit marktwirtschaftlichen Elementen und schwankt zwischen einer Orientierung an Russland und einer vorsichtigen Öffnung gegenüber der EU. Weißrussland gliedert sich in 6 Verwaltungsbezirke mit 181 Kreisen. Weißrussland ist ein Vielvölkerstaat mit etwa 81% Weißrussen sowie polnischen, russischen, ukrainischen, tartarischen und russland-deutschen Minderheiten. 80% der Bevölkerung gehören der belarussisch-orthodoxen Kirche an. Ca. 10% der Bevölkerung gehören zur katholischen Kirche. Evangelisch-lutherische, griechisch-orthodoxe und reformierte Christen wie auch die Juden sind kleine Minderheitskirchen.
Erinnerung und Versöhnung
- Mahnmal in Chatyn
Von 1941 bis 1944 hatte die deutsche Wehrmacht während des Nationalsozialismus Weißrussland besetzt. Was bei vielen Menschen in Deutschland in Vergessenheit geraten ist: unvorstellbar großes Leid und zahlreiche Greueltaten wurden während dieser Besatzungszeit von den Deutschen in Weißrussland verübt. Am 22. März 1943 verübten deutsche Wehrmachtssoldaten aus Rache für einen Partisanenangriff in dem kleinen Dorf Chatyn bei Minsk ein Massaker an 190 Dorfbewohnern, die sie in der örtlichen Kirche zusammentrieben, einsperrten und anschließend verbrannten. Etwa 25% der Bevölkerung fielen dem deutschen Terror zum Opfer darunter fast die gesamte, jüdische Bevölkerung Weißrusslands. Das Trauma der deutschen Besatzung prägt viele Weißrussen auch heute noch. In den 90er Jahren begannen dann auch in Westfalen deutsche Menschen, sich dieser schrecklichen Vergangenheit zu erinnern und starteten zahlreiche Initiativen der Versöhnung mit "den Völkern der ehemaligen Sowjetunion" - wie es damals noch hieß. Auch mit Belarus entstanden neue Kontakte und interessante Versöhnungsprojekte zwischen unterschiedlichen Generationen aus den beiden Kulturen, so zum Beispiel die Arbeit der ev. Jugend aus dem Kreis Herford und Bünde in den Dörfern am Narotschsee.
Kindererholungen, Umsiedlungen und Wind- und Sonnenenergieprojekte als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl
- Strassenszene in Minsk
1986 ereignete sich in Tschernobyl in der Ukraine der größte Atomkraftwerksunfall in der Geschichte der Menschheit. Monatelang bedrückten die Auswirkungen der Kernschmelze in diesem Atomreaktor nicht nur die Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft sondern in ganz Europa. Zahlreiche Menschen starben nach den sogenannten "Aufräumarbeiten". Ein Gebiet 30 Kilometer um das Atomkraftwerk wurde zur Todeszone erklärt, aber auch weite Teile vor allem in Weißrußland wurden radioaktiv verstrahlt. In der Nord-Ukraine und in Süd-Weißrussland gibt es auch heute noch großräumige Sperrgebiete.
Im Anschluß an die Kernkraftwerkskatastrophe bildeten sich in ganz Europa Hilfskomitees und -initiativen, die den von der Reaktorkatastrophe betroffenen Menschen mit Hilfe und Rat zur Seite standen. Auch in Westfalen und in der EKvW haben sich zahlreiche Gruppen, Kreise und Gemeinden um die Menschen gekümmert. Und so entwickelten sich auch viele Gruppen, die Kinderfreizeiten in Deutschland für die Menschen aus den verstrahlten Gebieten organisierten. Mittlerweile ist das Engagement zu Belarus noch weiter gewachsen und es gibt Initiativen, die beim ökologischen Hausbau helfen oder die das Thema erneuerbare Energien, Altenpflege und Menschenhandel bearbeiten.
Mehr als 20 Jahre nach der bisher größten Reaktorkatastrophe leben noch immer über eine Millionen Menschen in den verstrahlten Gebieten Weißrusslands. Fünf größere Gruppen, die sich in Belarus engagieren, seien hier exemplarisch aufgeführt:
Internationales Bildungs- und Begegnungszentrum Dortmund (IBB) e.V., Ansprechpartner: Herr Peter Junge-Wentrup, Geschäftsführer des IBB, die sich v.a. in der Bildungs-, Erinnerungs- und Versöhnungsarbeit engagieren und auch die IBB Johannes Rau in Minsk aufgebaut haben
Heim-statt Tschernobyl e.V., Ansprechpartner: Pfr.i.R. Dietrich von Bodelschwingh, die sich beispielsweise mit dem Projekt ÖkoDom für ökologisches und energiesparendes Bauen in Weißrussland engagieren
BAG Den Kindern von Tschernobyl e.V., Ansprechpartner: Pfr.i.R. Burkhard Hohmeyer, die seit vielen Jahren Kinder- und Jugenderholungsfreizeiten für die Tschernobylbetroffenen aus Weißrussland organisieren und sich darüber hinaus auch gegen den Menschenhandel in Belarus engagieren
Kinderzentrum Nadeshda, Ansprechpartner Herr Ralf Höffken, ein Projekt der Männerarbeit in der ev. Kirche von Westfalen
Kinder-aus-Tschernobyl-in-Herford e.V., Ansprechpartner: Pfr.i.R. Ludwig von Behren und Klaus Wörmann, die seit dem Sommer 1992 in jedem Jahr 30 Kinder aus den verstrahlten Gebieten Weißrusslands zu einem vierwöchigen Erholungsaufenthalt nach Herford, Vlotho bzw. Rödinghausen einladen
Detaillierte Informationen zu aktuellen Vorhaben und Arbeitsschwerpunkten sind auf den entsprechenden websites der Initiativen zu finden. Darüber hinaus gibt es zahlreiche, weitere kleine und große kirchliche und nicht-kirchliche Gruppen in Westfalen, die für Weißrussland engagiert sind.
Neben dieser weitgehend von Tschernobyl ausgehenden Arbeit pflegt die EKvW auch eine Partnerschaft zur orthodoxen Kirche in Weißrussland. Die weißrussisch-orthodoxe Kirche ist eine Kirche in Teilabhängigkeit von der russisch-orthodoxen Kirche - dem sogenannten Moskauer Patriarchat. Sie wurde 1991 gegründet, hat ihren Sitz in der Hauptstadt Minsk und wird geleitet von Metropolit Filaret.
Im Jahre 2006 unternahm Präses Alfred Buß eine Besuchsreise in die Region und besuchte auch das Johannes-Rau-Bildungs- und Begegnungszentrum in Minsk, eine Einrichtung des IBB Dortmund in der weißrussischen Hauptstadt.
Eine Karte mit den wichtigsten evangelischen Initiativen und Organisationen, die in Belarus engagiert sind, kann hier als pdf-Datei heruntergeladen werden.
Weitere Informationen können im Amt für MÖWe bei Thomas Krieger, Telefon 0231-540977, E-Mail thomas.krieger@moewe-westfalen.de erfragt werden.
Literaturtipps
HOLTBRÜGGE, Dirk: Weißrußland, Beck´sche Reihe, Länder, München, 1996.
JÄGER, Ulrike (Hg.): Die vergessenen Frauen vom Narotschsee, Luther-Verlag, Bielefeld.


